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aus
Katalog Tierleben 2005
Fantasie
der Fauna I Prof. Cindy Gates
Yvonne Diefenbach
bleibt dem künstlerischen Experiment treu und widmet sich in ihrer
Werkserie Tierleben der Fantasiewelt der Fauna. Ihre Geschöpfe
in konstruierten räumlichen Darstellungen auf Fotopapier bilden einen
Gegenentwurf zu vielen großformatigen und schrill-bunten Werken
der zeitgenössischen Kunst. Diese kleinen, stillen und einzigartigen
Kompositionen schaffen eine Nische in dem aufdringlichen Mainstream-Kunst-
und Medienrummel. Was trägt dazu bei, dass der Betrachter stehen
bleibt und diese bemerkenswert unauffälligen Bildgeschichten
mit Verblüffung, Verzauberung und Amüsement zu enträtseln
versucht?
Der Stempel
Grundlage der hier vorliegenden visuellen Tier-Geschichten sind diverse
Gummi- und Holzstempel aus vielen verschiedenen Ländern wie den Niederlanden,
Frankreich, USA, Japan oder Deutschland. Die Verwendung reicht dabei vom
Spiel mit pädagogischem Wert bis hin zum Einsatz zu rein dekorativen
oder kommunikativen Zwecken. Normalerweise dienen Stempel zur Vervielfältigung
eines bestimmten Motivs. In diesem künstlerischen Prozess ist eine
Abbildung jedoch in mehreren Geschichten oder gar vielmals auf einem Blatt
zu finden. So werden aus Tier-Schemata Protagonisten, die agieren und
interagieren. Der Stempel als Gerät zur Reproduktion wird hier zur
Herstellung von Unikaten umfunktioniert. Yvonne Diefenbachs inzwischen
beachtlich umfangreiche Stempelsammlung stammt in erster Linie von ihren
Trödelmarkt-Besuchen sowie von sammelfreudigen Familienmitgliedern
und reisenden Freunden. Aus einem die Fantasie anregenden Fundus
nach Themen geordnet- zu Stapeln, Kisten und Koffern, die bereits selbst
Ausstellungscharakter haben, schöpft die stets Suchende ihre Ideen
und stellt dann ihre surrealistischen Tier-Szenerien auf dem Fotopapier
zusammen.
Das Chemigramm
Ein Chemigramm ist das Produkt eines fotochemischen Prozesses. hnlich
einem Fotogramm kommt das Chemigramm ohne Fotoapparat aus. Das Spezifische
ist jedoch, dass dieses außerhalb der Dunkelkammer geschaffen werden
kann. Allerdings wird der Entstehungsprozess ebenso so gut gehütet
wie ein gelungenes Feinschmecker-Rezept: Fotoentwickler, Fotofixierer,
unterschiedlich gelagerte Schwarzweiß-Fotopapiere verschiedener
Hersteller, transparente Papiermuster, Pinsel und Licht sind - mehr wird
nicht verraten - die Zutaten dieses zeitaufwendigen Handwerks.
Das Tier und der Mensch
In dieser künstlerischen Arbeit spielt das Tier eine besondere Rolle.
Tierabbildungen dienen den Menschen seit jeher als Spiegelbilder ihrer
Sinn-Suche. Es ist nicht bloß die äußere menschenähnlichkeit
der thiere, der glänz ihrer äugen, die fülle und Schönheit
ihrer gliedmaßen, was uns anzieht, auch die Wahrnehmung ihrer mannigfaltgen
triebe, kunstvermögen, begehrungen, leidenschaften und schmerzen
zwingt in ihrem innern ein analogon von seele anzuerkennen. Mehr
als 150 Jahre sind vergangen, seitdem Jacob Grimm mit diesen Worten die
menschliche Faszination am Tier erläuterte. Mit den zeitlosen visuellen
Fabeln, in denen Yvonne Diefenbach Motive einer vermeintlich unbelasteten
Naturromantik nutzt, werden die Betrachter im Hier und Jetzt auf eine
mysteriöse Reise gesandt: Was macht der Hahn mit Katzenkopf auf der
Bühne vor so vielen Schäferhunden? Werden die Hunde brav und
artig zuhören wie kultivierte Menschen bei einer Theater-Darbietung,
oder stürmen sie plötzlich auf die Bühne, um das artfremde
Katzenfedertier zu zerfleischen?
Das Symbol
Die Künstlerin nutzt Tierklischees die bereits seit langer Zeit und
nicht nur in unserer Kultur existieren, um sie sogleich wieder zu brechen.
Jedes Tier hat indes seine eigene sozio-kulturelle Bedeutung, die sich
schon in den frühesten Höhlenmalereien mit Urtier-Abbildungen
auf unterschiedlichen Erdteilen dokumentiert. Als Beispiel der möglichen
Bedeutungsvarianten soll hier der Adler dienen. Schon sein Name sagt,
wie sehr der Mensch dieses Tier schätzt. Das Wort kommt von der mittelalterlichen
Bezeichnung Edel-Aar, was soviel heißt wie Edler
Vogel. So alt wie die Menschheit ist der Respekt für den Größten
unter den Greifvögeln. Einerseits gilt der Adler als Symbol militärischer
und politischer Macht; er schmückte die Standarten römischer
Legionäre und gehört noch heute zum Staatswappen beispielsweise
der USA oder Deutschland. Andererseits wird der Adler aber auch als Bote
der Götter oder als christliches Symbol für Erlösung von
Machtstreben und anderen egoistischen Interessen beschrieben. Wie ist
also die Darstellung der aufgereihten Adlertruppe mit den kleinen Flugzeugen
zu deuten? Diese Tierabbildung wirkt irritierend, da die Dimensionen durch
Anzahl und Größe von Tier und Flugzeug vertauscht werden. Spielerisch
regen diese kleinen Kunst-Szenen zum Nachdenken an über antike und
moderne Bedeutungen der Tiere wie auch über die Welt und seine Bewohner.
Die Bewegung
und der Raum
Bewegung ist ein Ausdruck von Leben und Freiheit. Bei ihrer Darstellung
in der Bildenden Kunst wird oft eine Zeitfolge durch Reihung und das Wiederholen
der gleichen Figur gewählt. Aus geometrisch angeordneten Formen entstehen
ornamental wirkende Muster. Je nachdem, wie Yvonne Diefenbach die Stempel
benutzt, nehmen wir eine Herde von Tieren oder ein einzelnes Tier in einem
Bewegungsablauf wahr. Bei Nomaden, die ständig unterwegs sind, das
Reisen als Teil ihres Daseins begreifen und dieses in ihre Kunstdarstellungen
einarbeiten, sind Elemente der Bewegung von großer Bedeutung. Bruce
Chatwin beschreibt in seinen Songlines, wie bei den australischen
Ureinwohnern Lieder, Pfade und künstlerischer Ausdruck ineinander
aufgehen. Aborigines nutzen auf ihren Malflächen lineare Wiederholungen
als Bewegungsdarstellungen und Traumpfade, die sich visuell hierhin und
dorthin schlängeln. In jeder Episode sind geografische
Formen abzulesen - Landkarten für Träume. Die entrückte
Lieblichkeit in den Tier-Motiven von Yvonne Diefenbach kontrastiert mit
surrealen Raumaspekten, die befremdlich und bedrohlich wirken. Vertikale
und horizontale Linien weisen auf Begrenzungen hin oder verheißen
einen Horizont. Eine schräge Linie wird Bühnen-Grenze, und ein
Rechteck dient als Fenster zur Darstellung eines Innenraums oder als Bild
an der Wand. Die Künstlerin verwandelt somit ganz persönliche
Wegfragmente zu Lageplänen ihrer Einbildungskraft.
Das Unikat
Es gibt jeweils nur ein Original dieser experimentellen Kleinode. Multiple
Stempelprozesse in mehreren Schichten, dem Licht ausgesetzt, dokumentieren
die Kostbarkeit Zeit und die Individualität der von Hand
gefertigten Objekte, die zwischen den Kategorien von Fotografie und Malerei
schweben. Wie kleine Einblicke in die Schatztruhe eines naturbegeisterten
Kindes, das einen Schmetterlingsflügel, eine Kralle von einen Scherenkrebs
oder einen Anstecker mit einer Friedenstaube sammelt, sind diese kleinen
Miniatur-Bilder einmalig, archaisch und äußerst persönlich.
Die Verzauberung
Kinder wie Erwachsene brauchen Traumwelten. Der Mensch erschafft Bilder
und Symbole unbewusst und spontan in Form von Fantasien. Unsere Psyche
ist ein Teil der Natur und ebenso unbegrenzt wie diese. Wir können
also weder die Seele noch die Natur definieren. So suchen stets nach beschreibenden
Wörtern und Abbildungen. Yvonne Diefenbachs minimalistische Bildwelten
sind verblüffend surreal, witzig und ernst zugleich. Sie gewähren
Naturschutz-Assoziationen einer empfindsamen Kreatur, die bedrohlichen
Umweltelementen ausgesetzt ist und akrobatisch versucht, damit umzugehen.
Wer wird wem begegnen und wo? In bizarren Umgebungen treffen die Stempel-Tiere
auf Geschöpfe, denen sie in freier Wildbahn nicht aus eigenem Antrieb
begegnen würden. In einigen Bildern werden sie sogar mit Körperteilen
anderer Lebewesen ausgestattet und damit einem neuen Schicksal zugedacht.
Finden in diesen Science Fiction-Abbildungen, wie dem zusammengeschraubten
Getriebeschwein oder der Raketenlibelle, Visionen
neuer Welten bezüglich Umwelt und Technik ihren Ausdruck? Yvonne
Diefenbachs sthetik befindet sich im Einklang mit dem Phänomen
absoluter Gegenwart, mit der zum Beispiel die Zeitlosigkeits-Empfindung
eines Kinderspiels stattfindet. Diese künstlerische Arbeit ist ein
offenes und scheinbar unschuldiges Angebot, sich mit den persönlichen
und gleichwohl universellen Gefühlen, Fantasien und Tagträumen
zu befassen.
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